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Tschingis Aitmatow wurde bereits zu Lebzeiten zu einem anerkannten Klassiker der Weltliteratur. Seine in russischer und kirgisischer Sprache verfassten Werke wurden in mehr als 150 Sprachen übersetzt. Die realistische Prosa des Schriftstellers ist von den Ideen des Humanismus und der großen Liebe zu allen Lebewesen - Menschen, Wild- und Haustieren, Pflanzen und dem gesamten Planeten Erde – durchdrungen.
Er ist Volksschriftsteller von Kirgisistan und Kasachstan. Preisträger des Lenin-Preises und dreier Staatspreise der UdSSR, des Europäischen Literaturpreises und des Internationalen Jawaharlal-Nehru-Preises. Im Jahr 2007 erhielt er die höchste Auszeichnung der türkischen Regierung für seinen Beitrag zur Entwicklung der Kultur der türkischsprachigen Länder. Im Frühjahr 2008 leitete die Türkei ein Verfahren zur Nominierung des Schriftstellers für den Nobelpreis ein, aber das war zu spät.
Leben
Tschingis Torekulowitsch Aitmatow wurde am 12. Dezember 1928 in der Familie der Kommunisten Torekul Aitmatow und Nagima Chamzijewna Aitmatowa (geborene Abduwalijewa) im Dorf Scheker, Kreis Kara-Buura (Kirow), Kanton Talas, Kirgisische ASSR, geboren. Bald nach der Geburt von Tschingis zog die Familie in die Stadt, da sein Vater befördert wurde: ab 1929 ging es mit Torekul Aitmatows Karriere schnell bergauf.
Im Jahr 1933 ist er bereits zweiter Sekretär des kirgisischen Regionalkomitees der Kommunistischen Partei der Bolschewiki (b). 1935 wird der junge Funktionär Student am Institut der Roten Professur in Moskau, die Familie zieht ebenfalls in die Hauptstadt der UdSSR. In dieser Zeit brachte Nagima den Sohn Ilgiz, die Zwillinge Rewa und Ljuzija (der Junge starb im Säuglingsalter) und die Tochter Rosa zur Welt. 1937 zog Nagima Chamzijewna auf Drängen ihres Mannes mit den Kindern zu Verwandten nach Scheker.
Der Vater des späteren Schriftstellers wurde im September 1937 wegen des Verdachts auf antisowjetische nationalistische Tätigkeit verhaftet und nach Frunse (der Hauptstadt von Sowjet-Kirgisistan) verlegt. Am 5. November 1938 wurde er erschossen. Die Frau des „Volksfeinds“ wurde in ihren Rechten eingeschränkt, alle Kinder des Repressalien ausgesetzten Politikers aber erhielten eine Hoschschulbildung und schrieben jeder in der Geschichte ihr eigenes Kapitel.
In den Jahren des Zweiten Weltkriegs wurden alle erwachsenen Männer mobilisiert, und der vierzehnjährige Tschingis erwies sich als einer der gebildetsten Menschen im Dorf und übernahm den Posten des Sekretärs des Dorfrats. Nach dem Krieg konnte der junge Mann seine Ausbildung fortsetzen: Nach einer achtjährigen Landschule schloss er die Schule für Tierzucht in Dshambul mit Auszeichnung ab und wurde 1948 Student des Kirgisischen Instituts für Landwirtschaft in Frunse.
Werk
Die Biografie als Schriftstellers begann am 6. April 1952 mit der Erzählung „Gazetschik Dzjujdo“, die in der Zeitung „Komsomolez Kirgizii“ veröffentlicht wurde. Aitmatow schrieb seinen ersten belletristischen Text auf Russisch, einer seiner beiden Muttersprachen. Nach dem Abschluss des Instituts im Jahr 1953 schrieb Tschingis Aitmatow, der als Leitender Zootechniker am Kirgisischen Forschungsinstitut für Tierzucht tätig war, weiter Geschichten auf Russisch und Kirgisisch und veröffentlichte seine Texte in lokalen Publikationen.
Im Jahr 1956 beschloss er, sich als Schriftsteller weiterzubilden, und ging nach Moskau, wo er Hochschulkurse der Literatur belegte. Parallel zu seinem Studium schrieb er viel. Bereits im Juni 1957 veröffentlichte die Zeitschrift „Ala-Too“ die erste Geschichte des jungen Schriftstellers „Aug in Auge“. Im selben Jahr erschien „Dshamilja“- interessanterweise wurde die Geschichte, die den Schriftsteller berühmt machte, zuerst in französischer Übersetzung veröffentlicht.
Der Schriftsteller schloss sein Literaturstudium 1958 ab. Als er sein Diplom erhielt, hatte er bereits zwei Novellen und Kurzgeschichten in russischer Sprache veröffentlicht. Aitmatows erster Roman wird erst 1980 veröffentlicht. Im Roman „Ein Tag länger als ein Leben“ sind realistische Ereignisse aus dem Leben des stürmischen Jedigej mit einer Phantastie-Handlung verflochten - dem Kontakt zwischen der Menschheit und einer außerirdischen Zivilisation. Man gewinnt den Eindruck, dass für die Menschen die Verständigung mit den Außerirdischen einfacher sei, als sich untereinander zu einigen.
Mitte der neunziger Jahre kehrte der Schriftsteller erneut zur wissenschaftlichen Phantastik zurück und schrieb „Das Kassandramal“- eine Geschichte über die Erschaffung von künstlichen Menschen. Alle anderen Werke sind im Genre des Realismus geschrieben. In der Sowjetunion war der Realismus sozialistisch, aber für den sozialistischen Realismus ist Aitmatow zu pessimistisch. Seine Helden leben und leiden aufrichtig, sie werden nicht zu schwungvollen Erbauern des Kommunismus.
Der Hauptheld von „Der weiße Dampfer“, ein Junge, der an Märchen glaubt, stirbt, als sein Rentier getötet wird. Immer sind Volksmärchen und Legenden ein wichtiger Bestandteil von Aitmatows Handlungen. Mythologische Bilder erweisen sich manchmal als schillernder als die Hauptfiguren. Aus der Legende von unbarmherzigen Eindringlingen, die Gefangene in ihrer Unabhängigkeit und ihres Gedächtnisses beraubte Sklaven verwandeln, hat das Wort und der Begriff „mankurt“- ein Mensch, der seine Wurzeln vergessen hat - Eingang in die russische Sprache gefunden.
Aitmatows zweiter Roman, „Die Richtstatt“, wurde 1986 veröffentlicht. Zu dieser Zeit beginnt in der UdSSR durch Michail Gorbatschow die Perestroika, und so wurde es möglich, über die Probleme des Landes zu schreiben. Aber selbst unter Bedingungen der zugelassenen Glasnost (Offenheit) erzielt „Die Richtstatt“ eine bemerkenswerte Wirkung - der Roman wirft gleich mehrere akute Fragen auf, spricht über Drogensucht und Korruption, über den Glauben und die Amtsträger der Kirche.
Der Autor bewunderte die weibliche Schönheit und hatte ein tiefes Verständnis für den weiblichen Charakter. Davon zeugen die authentischen und lebendig geschriebenen Frauenbilder in Tschingis Aitmatows Büchern: die starke Dshamilja aus der gleichnamigen Novelle, die junge, romantische Asel („Du meine Pappel im roten Kopftuch“), die weise Tolgonai, die ihre Söhne im Krieg verloren, aber ihre innere Schönheit der Seele bewahrt hat („Goldspur der Garben).
In fast jedem Werk gibt es eine Frau, deren Erscheinen auf den Seiten des Buches dem Haupthelden oder dem Leser ein Gefühl der Leichtigkeit gibt. Und auch im Leben des Schriftstellers spielte die weibliche Schönheit eine wichtige Rolle. Tschingis lernte seine erste Frau, Kerez Schamschibajewa, während seines Studiums am Landwirtschaftlichen Institut kennen. Das Mädchen studierte am medizinischen Institut und interessierte sich auch für Literatur.
Nach der Schule wurde die Beststudentin Kerez sogar an das Moskauer Literaturinstitut geschickt, doch ihre materiellen Umstände ließen das nicht zu. Kerez Schamschibajewa wurde eine hervorragende Ärztin und Funktionärin und arbeitete im kirgisischen Gesundheitsministerium. Sie brachte zwei Söhne zur Welt. Sandshar Tschingisowitsch wurde 1954 geboren, er ist Journalist und Schriftsteller sowie Geschäftsmann. Askar Tschingisowitsch kam 1959 zur Welt, er ist Historiker und Orientalist sowie gesellschaftlich aktiv.
Tschingis Torekulowitsch hat außerdem einen Sohn Eldar und eine Tochter Schirin. Eldar Tschingisowitsch ist Absolvent der Akademie der Schönen Künste in Belgien, er ist Designer und Künstler und leitet das Aitmatow-Museum in Bischkek.
In Ata-Bejit
In den letzten Jahren seines Lebens war Tschingis Aitmatow an Diabetes erkrankt, was ihn jedoch nicht an der Führung eines aktiven Lebens hinderte. Im Jahr 2008 reiste der Schriftsteller in seinem achtzigsten Lebensjahr nach Kasan, um den Dokumentarfilm „Ein Tag länger als ein Leben“ zu drehen, der anlässlich des bevorstehenden Jubiläums aufgenommen wurde. Am Drehort erkältete sich der Schriftsteller, aus der Erkältung wurde eine akute Lungenentzündung, dazu kam ein Nierenversagen.
Am 16. Mai wurde Aitmatow nach Deutschland geflogen, doch die Ärzte konnten den Patienten nicht mehr retten. Am 10. Juni 2008 starb Tschingis Torekulowitsch in der Klinik in Nürnberg, und am 14. Juni fand die feierliche Verabschiedung und Beisetzung des Klassikers der Weltliteratur statt. Es versammelten sich so viele Trauernde, dass mehrere Menschen die Treppe zum Theater hinunterstürzten, wo der Sarg mit dem Leichnam stand. Es wurde Hilfe von Polizei und Sanitätern notwendig, um Verletzte zu vermeiden.
Tschingis Aitmatow wurde auf dem Friedhof „Ata-Bejit“(„Friedhof der Väter“) in einem Vorort von Bischkek beigesetzt.Tschingis, ein Humanist, der viel über die Vergangenheit und die Zukunft nachdachte, wollte neben dem Grab seines Vaters begraben werden. Tschingis Aitmatow hatte lange nach dem Grab des Vaters gesucht, nun hat er neben seinem Vater die letzte Ruhe gefunden.
Das Denkmal für den kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow wurde am 12. Dezember 2013 eingeweiht. An dem Projekt des Denkmals arbeiteten die Kreativwerkstatt „AKATA“sowie der Bildhauer Sadabek Ashijew und der Architekt Ulan Bejschenbijew.
So ist „Ata-Bejit“ für die kirgisische Bevölkerung und für all die, die mit den Werken von Tschingis Aitmatow vertraut sind, zu einem ikonischen Ort geworden.